Mit regionaler Braugerste durchstarten

Dass die Südniedersachsen in der Lage sind, bestes Bier zu brauen und leistungsstarke Pflanzensorten zu züchten ist ja bekannt. Doch dass in der Region Einbeck nun auch Braugerste produziert wird, ist neu.

Die Braugerstenproduktion in Niedersachsen ist seit Jahrzehnten fest in den Anbauhochburgen auf den leichteren Böden um Celle, Gifhorn, Uelzen und Lüneburg verankert. Die dortigen Anbauer haben ein großes Wissen um diese Spezialfrucht angereichert und wissen, wie man auch in schwierigen Jahren Top-Qualitäten erzeugt. In diese Domäne brechen jetzt Ackerbauern aus Südniedersachsen ein. Sie wagen sich mit der Sommerbraugerste, die eine besondere Bestandesführung erfordert, auf unbekanntes Terrain. Auch die hohen Qualitätsanforderungen schrecken sie nicht. Ob das so funktioniert?

Der Anstoß zum Einstieg in die Braugerstenproduktion in Südniedersachsen kam direkt vom Einbecker Brauhaus, berichtete dessen Leiter Recht/PR/Export, Ulrich Meiser, auf einem Braugerstenfeld des Rittergutes Friedrichshausen bei Sievershausen am Solling. „Die Braugerste für das Einbecker Bier soll nicht wie bisher irgendwo in Deutschland wachsen, sondern in Zukunft auch aus unserer Region stammen“, umriss Meiser die neue Marketingstrategie des Unternehmens. Brauereivorstand Martin Deutsch erklärt: „Die regionale Herkunft ist, wenn es ums Essen und Trinken geht, für die Konsumenten und für die Lebensmittelhersteller noch wichtiger geworden. Diese Entwicklung greifen wir als Regionalbrauerei aktiv auf.“ Das regional verwurzelte Einbecker Brauhaus möchte zukünftig zeigen, wo die Rohstoffe wachsen, die für ihre Biere notwendig sind.

Ersten Schritt gewagt

In einem ersten Schritt hat das Einbecker Brauhaus mit sieben landwirtschaftlichen Betrieben aus Südniedersachsen den Arbeitskreis „Regionale Braugerste“ gegründet, um das theoretische Denkmodell in die Praxis umzusetzen. Mit dabei sind die Landwirte Christoph von Breitenbuch aus Parensen, Markus Gerhardy aus Gieboldehausen, Heinrich Klingelhöfer aus Groß Lengden bei Göttingen, Henning und Bastian Meyer aus Katlenburg, Torsten Fröchtenicht aus Northeim-Hillerse sowie Armin Eggert und Siegbert Stieg aus Gleichen-Rittmarshausen. Der Startschuss des neuen Projektes ist bereits zur Aussaat am 19. März 2021 erfolgt.

Doch dabei soll es nicht bleiben. Die Brauerei hat noch große Ziele und will in den nächsten Jahren die örtliche Produktion weiter ausweiten. Anfragen von interessierten Bauern hat es dazu schon reichlich gegeben. Doch Meiser und der Technische Leiter und Braumeister des Einbecker Brauhauses Christoph Benseler bremsen zurzeit noch, da sie erst einmal die bevorstehende Ernte abwarten und die Produktqualität prüfen wollen.

Die regional erzeugte Sommerbraugerste, die in der Mälzerei Ireks in Schweinfurth zu Braumalz verarbeitet wird, wächst in diesem Jahr auf sechs verschiedenen Äckern zwischen Sievershausen im Westen und Gieboldehausen im Osten Südniedersachsens. Im ersten Jahr wird die Sommergerste auf einer Gesamtfläche von rund 140 ha angebaut. Benseler rechnet bei Erträgen von 5 bis 7 t/ha mit einer Erntemenge in 2021 von etwa 700 t.

Sorten aus der Region

Hauptsorten sind in diesem Jahr Quench und Prospect. Da die langjährig im Anbau stehende Sorte Quench ein Auslaufmodell ist, läuft die Suche nach einer geeigneten Nachfolgesorte. Das Sortengremium der Braugersten-Gemeinschaft e.V. hat im Februar dieses Jahres die vom Bundessortenamt 2019 zugelassenen Braugerstensorten Amidala (Nordsaat) und KWS Jessie (KWS Lochow) nach bundesweiten Mälzungs- und Brauversuchen im Praxismaßstab zur Verarbeitung empfohlen. Auch das Einbecker Brauhaus nahm an den Versuchen teil.

Beide Sorten zeigten hervorragende Ergebnisse. Besonders interessant wäre es für alle Beteiligten, so Landwirt Christoph von Breitenbuch, die hochertragreiche Braugerstensorte KWS Jessie in den Anbau zu bringen. Die Sorte stammt aus dem vor Ort ansässigen Züchterhaus in Einbeck und würde somit bestens in das Konzept nach mehr regional erzeugter Ware passen.  

Ein erster Testanbau mit KWS Jessie läuft bereits in diesem Jahr auf den Flächen des Rittergutes Friedrichshausen, merkte von Breitenbuch an. „Uns Landwirte kommt es nicht nur darauf an, regionale Ware zu erzeugen, sondern auch die Arbeitsplätze der regional tätigen Unternehmen durch unseren Anbau zu sichern“, erläutert der 45-jährige Landwirt, der als Geschäftsführer der Agrar-Betriebsgemeinschaft Leine-Solling intensiv auf ausgewogene Fruchtfolgen in den Mitgliedsbetrieben achtet.

Schon viel dazugelernt

Ulrich Meiser gibt zu, dass er durch dieses Projekt schon eine Menge dazu gelernt hat. „Ich hatte bisher immer nur mit anderen Aspekten des Brauereigeschäfts zu tun, aber die Produktion von der Braugerste über das Malz bis zum Endprodukt zu begleiten ist eine ganz andere Dimension“, freut sich der Bierexperte. Die Einbecker Brauerei arbeitet schon sehr lange mit der Malzfabrik Ireks in Schweinfurth zusammen. Im Gegensatz zu den Großmälzereien in Niedersachsen/Bremen war es für Ireks kein Problem, auch kleinere Chargen an Braugerste sortenrein zu vermälzen und anschließend mit Nämlichkeit wieder ins niedersächsische Einbeck zu transportieren.

Die Braugerste hat einen entscheidenden Anteil an Geschmack und Farbe des Bieres. „Eine fürs Bierbrauen ideale Braugerste muss einen Rohproteingehalt haben, der nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig ist,“ umriss Braumeister Christoph Benseler das Anforderungsprofil. Und genau das ist der entscheidende Punkt in der Produktion. Im Gegensatz zur Futtergerste, wo hohe Erträge durch entsprechend hohe Stickstoffgaben abgesichert werden, müssen die Anbauer bei der Braugerstenproduktion sehr vorsichtig mit diesem Nährstoff umgehen.

So ist der Eiweißgehalt beim Bierbrauen wichtig für die Verbindung mit der Hefe und für den Schaum des Bieres, erläutert Benseler. Er sollte sich zwischen 9,5 % und 11,5 % bewegen. Mehr als 11,5 % Rohprotein gelten als weniger günstig für den Produktionsprozess, weil dann die Stabilität des Bieres leidet. Auch zu geringe Eiweißgehalte sind problematisch. Unter 9 % ist die gewünschte Schaumbildung reduziert. Neben diesem Merkmal müssen die Einsteiger aus Südniedersachsen aber auch hohe Vollgerstenanteile von mindestens 85 % anstreben, Zwiewuchs und ganz wichtig, Fusariumbefall vermeiden.

„Das ist ein rotes Tuch für die Mälzereien und Brauereien“, weiß Landwirt Markus Gerhardy. In diesem Zusammenhang verwies er auf das gute Verhältnis zwischen allen Beteiligten in der Kette. „Wir arbeiten unter freiem Himmel, da kann es auch mal zu Qualitätsproblemen kommen. Das wissen auch die Verarbeiter“, lobte der Praktiker das gute Verständnis untereinander. Er selbst hat schon im letzten Jahr einen Probeanbau mit der Sommerbraugerste auch ohne Vertragsabsicherung gestartet und mit unter 10% Eiweiß die geforderte Norm locker erfüllt. Auch er freut sich, dass seine Ware nicht anonym vermarktet wird, sondern sich in einem regionalen Produkt wiederfindet.

Langfristige Zusammenarbeit

Die Landwirte haben mit der Mälzerei einjährige Festverträge abgeschlossen. Die Zusammenarbeit ist aber langfristig ausgelegt Der Preis für die Ware wird nach Angaben von Gerhardy jeweils im Herbst festgelegt. Dabei orientiert man sich am Weltmarktpreis für Malz. Die regionale Ware erhält aber ein Zuschlag von etwa 20 €/t, wenn die Qualitätsnormen eingehalten werden. Das bedeutet, dass die Ware in der kommenden Ernte mit 200 €/t vergütet wird. „Das ist ein fairer Preis und wir sichern vertraglich zu, jedes Korn, was wächst, auch abzuliefern“, stellte der Kreislandwirt klar. Die Gerste wird nach der Ernte vor Ort eingelagert und sukzessive je nach Nachfrage der Mälzerei bis Ende März ausgelagert.

Die Einbecker Brauer wird das aus der regionalen Gerste von der Mälzerei in Chargentrennung hergestellte Braumalz in den eigenen Biersorten einsetzen. „Eine neue Biersorte nur mit dem regional gewonnenen Malz wird es aber nicht geben“, stellte Meiser klar. Aber mit dem regionalen Braugerste soll gezielt die Marke „Einbecker Brauherren Pils“ produziert werden. Im ersten Jahr rechnet Braumeister Christoph Benseler mit einer Braugerstenmenge von etwa 700 t.

Somit würden etwa 20 % der für das Premiumpils notwendigen Malzmenge schon aus regionaler Erzeugung stammen. „Unser Ziel ist es, mittelfristig 50 % der benötigen Malzmenge mithilfe der südniedersächsische Ware bereitzustellen, ergänzte der Experte. „Langfristig haben wir die Vision“, so Benseler, „dass wir auf eine Braugerstenmenge von 10.000 bis 12.000 t kommen und uns komplett mit regionaler Ware versorgen“. Das ist aber Zukunftsmusik. Jetzt hoffen die Verantwortlichen, dass die Verbraucher diese Initiative unterstützen. Eins steht fest: Die neue Marketingstrategie wird den regionalen Aspekt deutlich hervorheben.

Fruchtfolgen auflockern

Die Bauern freuen sich schon auf die erste Ernte. Sie profitieren in der Region von den hohen Niederschlagsmengen in Höhe von durchschnittlich 650 mm, berichtete Christoph von Breitenbuch. Eine kostenintensive Zusatzberegnung wie in der Heide sei dort nicht notwendig, was die Attraktivität des Braugerstenanbaus erhöhe. Um sich an die Produktion heranzutasten und erhöhte Stickstoffwerte zu vermeiden, wächst die Sommergerste erst einmal auf schwächeren Standorten, insbesondere auch in Wasserschutzgebieten, wo die N-Düngung ohnehin limitiert ist.

Von Breitenbuch hat die Kultur in diesem Frühjahr mit insgesamt 88 kg N/ha versorgt. „Das ist erheblich weniger als ich zu Wintergerste gebe“. Positiver Effekt: Der eingesparte Stickstoff kann bei Bedarf in anderen Kulturen eingesetzt werden. Auch beim Pflanzenschutz kommen die Bauern in der Sommerung mit geringeren Aufwendungen klar. So sind neben einer Herbizidanwendung oft nur eine Fungizidspritzung und der Einsatz eines Wachstumsregulators auf besseren Standorten (über 55 BP) erforderlich, um die Qualitäten abzusichern.

Insgesamt freuen sich die Landwirte, die Fruchtfolgen durch den Einbau der Sommergerste sinnvoll aufzulockern. Bei Christoph von Breitenbuch nehmen die Sommerungen z.B. zurzeit schon einen Anteil von 20 % ein. Auch die Entzerrung von Arbeitsspitzen kommt gut an. Auf eines müssen die Anbauer aber in der Fruchtfolge achten: Ein Anbau nach Mais ist aufgrund des erhöhten Risikos eines Fusariumbefalls tabu. Das ist für die erfahrenen Ackerbauern aber ohnehin selbstverständlich.

Werner Raupert